Zum Besten der unsichtbaren Kleinen

Politiker*innen und andere Erwachsene weltweit bauen sich eine Welt, in der Kinder immer weniger Bedeutung haben. Ein Grund für Verärgerung und vor allem große Besorgnis. Ein persönlicher Kommentar von Nik.

Drei und drei macht sechs, widdewiddewitt mal drei macht achtzehn. Eine magische Zahl, die in unserer Welt immer mehr eines bedeutet: Jetzt bist du erwachsen, jetzt bist du jemand. Zumindest, so lange man keinen anderen Grund findet, deine Meinung zu übergehen. Und drumherum machen sich die Großen die Welt, wie sie ihnen gefällt.

Wir leben in einer schwierigen Zeit. Einer Zeit, die uns viele Große als einen unbeherrschabren Zustand der Polykrise verkaufen wollen. Es stimmt, dass unsere gesamte Gesellschaft momentan mit vielen Herausforderungen zu kämpfen hat: Klimakrise, Kriege, populistische und extremistische Strömungen sind nur ein paar Beispiele. Und wir bekommen immer mehr davon mit: Vieles, was früher weit entfernt stattfand, ist jetzt einen Griff in die Hosentasche entfernt. Soziale Netzwerke verstärken also auch Angst und Gefühle der Machtlosigkeit – eine enorme Verantwortung für Große, die sie hauptsächlich gestalten.

Die Politik reagiert natürlich überall und auf allen politischen Ebenen. Betroffene müssen doch geschützt werden, und das ist naturgemäß Aufgabe der Großen. Das wohl, mindestens in Kreisen von digitalaffinen Menschen, aktuell sichtbarste Beispiel ist der Schutz von Kindern und Jugendlichen in sozialen Netzwerken, Stichwort: "Social-Media-Verbot". Nur etwas ist merkwürdig: Die Forderungen nach einem Social-Media-Verbot aus Politkerkreisen sind laut. Die Stellungnahmen von Fachkräften sind etwas weniger laut. Und die Stimmen der Betroffenen? Für die Politik und die Medien offenbar uninteressant. Es ist nicht so, als gäbe es keine Stimmen: Mehrere Jugendverbände wenden sich an die Öffentlichkeit, einzelne politische Parteien laden junge Menschen zum Dialog ein und ihre Großen lassen ihre Meinung danach galant unter den Tisch fallen. Es scheint so, als sei das, was die Jungen sagen, einfach nicht interessant. Schließlich müssen sie ja auch beschützt werden!

Eine Frage, die offenbar niemand stellt, ist: Vor wem oder was müssen sie denn nun eigentlich beschützt werden? Im Fall des Social-Media-Verbots ist das ganz offensichtlich: Vor gewaltsamen Inhalten, vor süchtigmachenden Funktionen, vor digitaler Ausbeutung ihrer Daten. Wer kann da schon etwas gegen sagen? Nun, natürlich ist es vollkommen richtig, dass all das problematisch ist. Was aber anscheinend komplett aus dem Blick geraten ist, ist eine ganz grundsätzliche Frage: Warum ist unsere Welt eigentlich, wie sie ist? Und da muss man die "digitale" gar nicht von der "analogen" Welt trennen – ein mentales Modell, das so oder so vollkommen unsinnig ist. Wir leben in einer Welt, und in dieser Welt werden Städte ebenso wie digitale Plattformen von Menschen gestaltet und gebaut. Fast alle "digitalen Probleme" sind gesellschaftliche, menschliche und menschengemachte Probleme.

Wenn wir also fragen, vor wem oder was Kinder geschützt werden müssen, rückt das "vor wem" plötzlich ziemlich in den Vordergrund. Ist es nicht merkwürdig, wieviel Geld Digitalkonzerne für Lobbyarbeit ausgeben? Oder wie einig sich doch Meta und die EU sind, zumindest im Grundsatz, dass Kinder irgendwie weg müssen (wenn auch nach Möglichkeit ohne Regulierung gegen Meta selber). Wie sich digitale Oligarchen besonders in den USA einmischen, ist immerhin wohl auch allgemein bekannt. Irgendwie stellt sich bei mir ein merkwürdiges Gefühl ein: Sieht es am Ende so aus, als würden die Probleme von genau denselben Großen gemacht, die sie nun durch den Ausschluss der Kleinen lösen wollen?

In letzter Zeit habe ich noch ein anderes Gefühl. Junge Menschen werden lauter, sie kämpfen sich in den Diskurs. Und es ist beachtlich, wieviel sie selber mitbekommen, obwohl sie kaum bewusst eingebunden werden. Bei anderen Themen ist das schon deutlich länger und öffentlichkeitswirksamer so: Eine Art Umbruch war vielleicht die For-Future-Bewegung. Eine immer größer werdene Horde Jugendlicher stand plötzlich auf der Straße und stellte Forderungen. Laute Jugendbewegungen gab es schon immer, aber irgendwie war das vielleicht in Vergessenheit geraten. Jetzt hätte man die Chance nutzen können, ganz viele junge Wähler*innen von sich und seiner Politik zu überzeugen, aber das kam auch irgendwie nicht bei den Großen an. Vielleicht müssen diese jungen Menschen auch einfach vor ihrem Aktivismus beschützt werden.

Die Bestrebungen, Schulstreiks mit Represseion gegen Schulversäumnis zu begegnen. Die Idee, lieber Jugendliche aus dem öffentlichen Online-Diskurs zu verbannen als Plattformen für alle zu regulieren. Ja sogar die Einführung von Parkzonen für Elterntaxis statt der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur für alle Fußgäner*innen und Radfahrenden. Das alles hat eine Gemeinsamkeit: Die Kinder werden unsichtbarer. Gut beschützt hinter den Toren der Schulhöfe, sicher offline im Kinderzimmer und vor Unfllen behütet im Kindersitz können sie eins nicht: Laut sein, sichtbar sein.

Unsere Gesellschaft – und damit meine ich nicht nur (mehr oder weniger) gewählte Politker, sondern alle, denen ein wohlwollender, offener Blick auf junge Menschen fehlt – baut sich immer weiter eine Welt, wie sie Erwachsenen gefällt. Eine Welt, in der Milliardäre und Präsidenten gemeinsam tun und lassen können, was sie wollen. Eine Welt, in der Gefährder, die inakzeptables Gedankengut im Internet posten, das unter ihresgleichen einfach tun können. Eine Welt, in der die mit den größten, schwersten Fortbewegungsmitteln den meisten Platz und die meiste Sichtbarkeit bekommen. Eine adultistische Welt, in der die Großen in Ruhe groß sein können. Und eine Welt, in der doch niemand etwas gegen Verbote, Überwachung und Ausgrenzung sagen kann.

Zum Besten der unsichtbaren Kleinen.

Ein leerer Spielplatz im Dunkeln und im Nebel
Sami Abdullah, Pexels-Lizenz
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    Nik