Jugend-Bündnis für gute Social-Media-Regulierung wendet sich an die Presse

Plattformen müssen zur Verantwortung gezogen werden, bestehende Regulierungsgesetze müssen durchgesetzt werden. So können sichere, offene digitale Räume für alle entstehen. Das fordern wir zusammen mit einem Bündnis europäischer Jugendorganisationen.

Gemeinsame Stellungnahme

Die hier als Pressemitteilung wiedergegebene Forderung ist eine gemeinsame Stellungnahme europäischer Jugendorgansiationen unter der Vereinigung European Digital Rights (EDRi). Sie wendet sich gegen den erklärten Wunsch der Politik nach Ausschluss Jugendlicher aus sozialen Medien und anderen digitalen Räumen.

Der Teckids e.V. unterstützt die Initiative im deutschsprachigen Raum. Der englische Original-Text sowie die Liste aller unterzeichnenden Organisationen sind hier bei EDRi verfügbar.

Jugendorganisationen fordern Veränderung statt Verboten bei Social Media

Die kürzlichen Urteile in den Vereinigten Staaten, die bestätigen, dass Google und Meta ihre Social-Media-Plattformen absichtlich mit dem Ziel von Suchtverhalten gestalten, sind ein Meilenstein. Er belegt, dass negative Auswirkungen, die junge Benutzer*innen erleiden, nicht zufällig entstehen, sondern im Design und im Geschäftsmodell dieser Plattformen liegen. Dennoch fokussieren sich Regulatoren und Gesetzgeber zunehmend auf Nutzungseinschränkungen statt auf diese Ursachen. Das australische Social-Media-Verbot und vergleichbare Maßnahmen in Europa – darunter Zugangsbeschränlungen, Altersbeschränkungen und Überwachung – zeigen einen zunehmenden Trend, der die Verantwortung von den Plattformbetreibern auf junge Nutzer*innen verlagert. Wir, die Generation, die diese Maßnahmen angeblich schützen sollen, weisen diesen Ansatz entschieden zurück. Wenn das Ziel wirklich ist, uns zu unterstützen, dann ist es an der Zeit, unseren Standpunkt anzuhören.

Der goldene Käfig

Sperrt uns nicht in einen goldenen Käfig ein und nennt es dann "Schutz". Das Versagen bei der Verfolgung der Ursachen schädlicher Auswirkungen durch Social-Media-Nutzung rechtfertigt nicht unsere Ausgrenzung, auch nicht vorübergehend. Trotz ihrer Herausforderungen bieten Online-Räume etwas Besonderes: fundierten Zugang zu Informationen, soziale Verbindungen und Partizipation in einem unvergleichbaren Umfang. Diese Plattformen sind Orte, wo wir lernen, kreativ werden, uns organisieren und am öffentlichen und demokratischen Leben teilhaben.

Soziale Medien sind weit mehr als Unterhaltung – insbesondere für unterrepräsentierte Menschen wie LGBTQIA+-Personen, behinderte Personen, religiöse Minderheiten und migrantische Gemeinschaften. Sie sind Lebensadern, die Zugang zu Informationen, zu Gemeinschaft und zu Unterstützung bieten, die außerhalb oft nicht existieren. Wie Menschen diese Orte nutzen, hängt mit ihren sonstigen Lebensumständen zusammen: Davon, ob sie sich zu Hause sicher fühlen und ob sie unterstützende soziale Bindungen haben, von Sprachbarrieren oder Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen. Für manche bedeuten soziale Netzwerke Schutz und Anonymität; für andere sind sie der einzige Weg zur Teilhabe an Gemeinschaft oder Informationen, die ihnen ansonsten vorenthalten wären.

Verallgemeinerte Lösungsansätze wie pauschale Einschränkungen oder umfassende Verbote werden diesen unterschiedlichen Personengruppen nicht gerecht. Statt Nutzer*innen zu schützen, bergen diese Maßnahmen das Risiko, ausgerechnet diejenigen auszugrenzen, die solche Orte am meisten brauchen. Echte digitale Gerechtigkeit braucht Regulierung, die diesen Nuancen gerecht wird, statt sie zu ignorieren.

Sichere digitale Räume brauchen Regeln und Unterstützung

Jeden Tag missbrauchen Plattformen unsere Aufmerksamkeit, verteilen unsere personenbezogenen Daten an tausende Unternehmen und zwingen uns suchtverursachende Funktionen auf. Unter diesen Funktionen verstehen wir unter anderem "endloses Scrollen", automatisch abspielende Videos, algorithmisch ausgewählte Beiträge, Push-Benachrichtigungen, Likes und so genannte "Streaks".

Soziale Medien sind in der EU bereits verpflichtet, junge Menschen zu schützen, aber Gesetze haben nur Bedeutung, wenn sie auch tatsächlich umgesetzt werden. Wenn Gesetzgebung verwässert wird oder es an der Durchsetzung fehlt, leiden junge Menschen darunter am meisten. Das ist kein gangbarer Weg. Während Big-Tech-Konzerne jährlich über 113 Millionen Euro für Lobbyismus in der EU ausgeben und sich damit für Deregulierung einsetzen, sind die eigentlich von den Gesetzen profitierenden Gruppen, also junge Menschen und ihre Vertreter*innen, teilweise oder vollständig aus dem Diskurs ausgeschlossen.

Deshalb fordern wir umfassende, systemische Veränderungen: Der Digital Services Act muss strikt umgesetzt werden und ein kompromissloser Digital Fairness Act, der alle, unabhängig vom Alter, vor ausbeuterischer Gestaltung von Plattformen schützt, muss umgesetzt werden.

Wenn wir die Überlegungen und Begründungen hinter Sicherheitsmaßnahmen verstehen und sinnvolle Wahlmöglichkeiten erhalten, besteht eine höhere Chance, dass wir sie nicht zurückweisen oder umgehen. Jedenfalls wollen wir keine Zukunft, in der unsere Rechte "zu unserem eigenen Besten" übergangen werden oder in der Online-Partizipation davon abhängt, ob man in der Lage oder gewillt ist, Ausweisdokumente oder biometrische Daten preiszugeben.

Echte Sicherheit muss auch befähigen, und das kann nicht durch Gesetze und Information alleine geschehen: Regulierungsbehörden, Bildungsangebote, Beratungsstellen und NGOs müssen auch vernünftig genutzt werden, damit Schutzmaßnahmen wirksam sind. Darüberhinaus müssen digitale Räume so aufgebaut und reguliert werden, dass die Lebenserfahrungen von unterrepräsentierten Gruppen sich darin wiederspiegeln, insbesondere derer, die systematischen Benachteiligungen ausgesetzt sind.

Der Erfolg von Kinderschutz-Gesetzen sollte niemals daran gemessen werden, wie viele Kinder von Online-Räumen ausgeschlossen werden, sondern daran, wie viele junge Menschen Zugang zu sicheren Online-Räumen haben, die ihrer Lebensrealität entsprechen. Wir wollen Gesetze, die sich auf die Hauptursachen schädlicher und problematischer Aspekte richten und sicherstellen, dass die Erwachsenen, zu denen wir heranwachsen, nicht später denselben ausbeuterischen Systemen ausgeliefert sind.

Verbote und einschneidende Altersverifizierungen lösen nicht die zugrundeliegenden Probleme, sie zögern die Konsequenzen lediglich hinaus. Um sicherere digitale Umgebungen zu schaffen, müssen wir die Systeme, die die Schäden verursachen, mit Regulierung konfrontieren statt derjenigen, die darunter leiden.

Baut keine digitale Welt für uns, baut sie mit uns, so dass es eine Welt wird, in die wir gerne hineinwachsen wollen.

Presseanfragen und Stellungnahmen

Die Teckids-Gemeinschaft ist offen für Presse- und sonstige Anfragen zum Themenkomplex rund um Jugendliche im digitalen Raum. Anfragen für Stellungnahmen, Interviews oder Vermittlung weiterer Expert*innen oder junger Stimmen nehmen wir per E-Mail an.

Sharepic: Veränderung statt Verbot
CC-BY, Justus Blümer, Dominik George